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Der Rennsteiglauf in der DDR-Zwischen Verbot und Förderung


 Der GutsMuths- Rennsteiglauf entstand als Idee einiger Studenten und Oberschüler aus Jena und Weimar. Von 1973 an wollten die Gründern, die alle Mitglieder der HSG Uni Jena waren, den Rennsteiglauf der Meilenbewegung, die sich als DDR- Variante der Laufbewegung zu entwickeln begann, zuordnen. Kurz nach dem Lauf von 1974, an dem sich außer den Jenaer Läufern auch einige Sportler aus Leipzig und Karl- Marx- Stadt beteiligt hatten, wurde der erste Versuch unternommen den Rennsteiglauf offiziell einen festen Platz in dieser Bewegung zu verschaffen. Unterstützung fanden sie u. a. beim Vorsitzenden der Jenaer Universitätssportkommission Prof. Dr. Schröder  der an den Staatssekretär für Körperkultur und Sport schrieb und vorschlug, daß ein Ausdauerlauf über 100km mit internationalen Charakter Bestandteil der bereits existierenden GutsMuths- Gedenkspiele in Schnepfenthal werden könnte. Am 12.6.1974 bekam er Antwort vom Staatssekretär Prof. Dr. Erbach. Darin war u. a. zu lesen: "Meine Auffassung ist, daß mit dem Lauf und den damit verbundenen hohen Leistungsanforderungen der volkssportliche Charakter der Meilenlaufbewegung weit überschritten wird. Ich habe deshalb einige Bedenken zu der von Ihnen angestrebten Propagierung der Veranstaltung als volkssportlichen Höhepunkt und schlage Ihnen vor, alle damit zusammenhängenden Fakten einer gründlichen Überlegung und Prüfung zu unterziehen." Dies entsprach einem diplomatisch formuliertem Verbot. Wie so oft in den Anfangsjahren des Rennsteiglaufes ist es einer Jenaer "Partisanenaktion" zu verdanken, daß der Lauf 1975 trotzdem stattfand und damit die eigentliche Geburtsstunde des Rennsteiglaufes als Massenlauf überhaupt möglich wurde. Der Sekretär der Universitätssportkommission, der gleichzeitig Vorsitzender der Fachkommission Orientierungslauf beim Präsidium für Hoch- und Fachschulsport der DDR war, reichte eine Ausschreibung für eine I. 100-KM- Leistungswanderung bei diesem Gremium ein. Als Termin wurde der 9./10.Mai 1975 vorgeschlagen, als startberechtigt wurden Studierende ausgewiesen und das Startgeld sollte 5,- M betragen. Diese Ausschreibung wurde angenommen und im Studentensportkalender veröffentlicht.
Der Name "50 Meilen- GutsMuths- Gedenklauf" wurde dann erst Anfang 1975 verwendet, als die Teilnehmerzahl die 500 bereits überschritten hatte, und die Gefahr eines Verbotes auf Grund dieser großen Nachfrage nicht mehr so groß war. Die Meilenlaufidee wurde wieder etwas stärker in den Vordergrund gerückt, vor allem um Ausdauersportlern aller Richtungen (Wanderer, Läufer, Wintersportler, Radfahrer) zu gewinnen. Dem ersten Gesamtleiter des Rennsteiglaufes gelang es sogar mit Hilfe einiger Thüringer Journalisten Mitglied des zentralen Meilenkomitees der DDR zu werden. Zusammen mit dem Olympiasieger Christoph Höhne, der Vorsitzender dieses Gremiums war, setzten sich beide in den folgenden Jahren um eine gesellschaftliche Anerkennung des Rennsteiglaufes ein.
Diese Versuche sollten u.a. dazu dienen, dieser Initiative und den Organisatoren seitens der Sportführung den Rücken freizuhalten. Leider war der Erfolg auf zentraler Ebene auch weiterhin eher gering, wie sich bei dem zweiten Legalisierungsversuch herausstellte, den DTSB als Veranstalter einzubeziehen. In einer erst nach der Wende von Prof. Dr. Austermühle aus Halle in den Archiven des Ministeriums für Hoch- und Fachschulwesen gefundenen Aktennotiz aus dem Jahre 1975 kann man die Position der DDR- Sportführung zum GutsMuths- Gedenklauf nachlesen. Stellvertretende Minister für Hoch und Fachschulwesen schrieb an seinen Minister: "Nach Rücksprache mit dem Vizepräsidenten des DTSB der DDR, der seinerseits Gen. Manfred Ewald konsultierte, ergibt sich, daß eine zentrale Gedenklaufveranstaltung nicht akzeptiert wird. (Keine sportpolitische, sportliche oder sportmedizinische Notwendigkeit)". Diese Festlegung führte dazu, daß die Universitätsleitung sich dann etwas reservierter gegenüber den Rennsteiglauforganisatoren verhielt und die Empfehlung aussprach an den DTSB Bezirksvorstand Suhl heranzutreten. Da bereits sieben Sportgemeinschaften aus diesem Bezirk 1975 an der Organisation beteiligt war, fand sich mit der SG Beerberg Goldlauter eine, die bereit war die Gesamtleitung zu übernehmen. Der Bezirksvorstand setzte daraufhin Bernd Will zum zweiten Gesamtleiter ein.
Bis zu seinem Abtreten 1988 setzte der DTSB- Führung unter Leitung von Manfred Ewald konsequent die Nichtanerkennungspolitik gegenüber dem Rennsteiglauf fort. So waren z. B. alle internationalen Kontakte untersagt. Ausländer hatten nur Startrecht, wenn sie in der DDR eine Arbeitserlaubnis hatten. Selbst die "befreundeten" Sportler aus der CSSR, Ungarn und anderen sozialistischen Ländern durften offiziell nicht starten. Einige wenige Läufer der BRD durften offiziell starten, da sie als Mitglieder der DKP von einer SED- Leitung eingeladen worden waren. Immer wieder gelang es aber auch "normalen" Läufern aus der BRD, über Verwandte illegal teilzunehmen. Bereits Anfang der achtziger Jahre war der Journalist Werner Sonntag aus dem "Westen" beim Rennsteiglauf dabei und schrieb einen umfangreichen Artikel in der Fachzeitschrift Condition.
So eine Teilnahme ging nur unter falschem Namen, da alle Startunterlagen über die Personenkennzahl des Personalausweises geprüft wurden. Gelang es Sportlern, diese Hürde zu umgehen, so durften sie dann nicht zu schnell laufen, da es spätestens bei der Siegerehrung den Informanden des MFS aufgefallen wäre, wenn bis dahin unbekannte Sportler auf dem Siegerpodest erschienen wären. Der seit 1980 tätige IM Friedrich Jahn (Reg.- Nr. XI 1903/80) der Ende der achtziger Jahre in der Organisation des Rennsteiglaufes tätig war, berichtete noch 1989 über den Versuch von drei Personen, „die kurzfristig eine zulassung zum o.g. lauf erwirken wollten.....im gespräch kam zum ausdruck, dasz es sich um brd-bürger handelt.
1. person: rentner, soll aus münchen sein
                    ( spitzname „tarzan“)
2. person: soll ein journalist sein
3. person: keine angaben
o.g. buerger boten dem ...fuer eine kurzfristige zulassung westliche waehrung, die dieser jedoch ablehnte.“ (Schreibweise aus dem Originaldokument Nr. 103 vom 30.5.1989 übernommen).
Aus bisher gefundenen Unterlagen in den Archiven der Bundesanstalt für Stasi- Unterlagen ergibt sich, daß im Organisationskomitee des Rennsteiglaufes überdurchschnittlich viele IMs tätig waren, bis auf einen aber keiner Berichte über den Rennsteiglauf geliefert hat. Ein "Vorgang", wie er sonst von jeder Spartakiade, internationalen Wettkampf oder ähnlicher Sportveranstaltung von der Staatssicherheit angelegt wurde, konnte zum Rennsteiglauf bis heute nicht gefunden werden. Die wenigen Berichte, die vorliegen, beziehen sich fast ausschließlich wie oben auf "Westkontakte".
Mit dem Thema Staatssicherheit wurde bereits 1975 der erste Gesamtleiter des Rennsteiglaufes konfrontiert, als er zu seinem dienstlichen Vorgesetzten gerufen und darauf aufmerksam gemacht wurde, daß eine Verbindung zu den Organisatoren des 100km- Laufes von Biel (Schweiz) nicht erwünscht sei. Erst einige Tage später fand er dann in seiner Privatpost einen ungeöffneten Brief aus der Schweiz, in dem die Jenaer Rennsteiglaufenthusiasten zum damals berühmtesten 100 km Lauf in die Schweiz eingeladen wurden.
Jahre später mußte dann eine Pressesprecherin aus dem Organisationskomitee ausscheiden, weil sie einen "Westbesucher" mit zur Rennsteiglaufabschlußfeier gebracht hatte. Ein Suhler Läufer mußte vor seinem Betriebsleiter Rede und Antwort stehen, weil er seine Startunterlagen an seinen Bruder aus dem "Westen" weitergegeben hatte und dies auffiel, weil dieser in der Altersklassenwertung bis auf Platz 3 lief.
Der Meldechef des Rennsteiglaufes, der 1987 und 1988 illegal einzelne Starts von bundesdeutschen Lauffreunden arrangierte, wurde sogar fast eine Woche lang von einer ganzen Gruppe von Stasimitarbeitern beschattet. Ein Läufer, der auf diesem Weg teilgenommen hatte, wurde kurz vor seiner Heimreise von Stasimitarbeitern zu einem Gespräch gebeten und zur Arbeit für das MFS aufgefordert.
Die Tatsache, daß der Start zur kurzen Strecke nur 5km vom Grenzgebiet entfernt stattfand und von den 6-7000 Teilnehmern eine große Anzahl mit der Eisenbahn durch das Sperrgebiet im Raum Probstzella- Gräfenthal anreiste, spielte in der Organisation nie eine Rolle, trug aber vielleicht mit dazu bei, das hunderte offizielle Mitarbeiter dieses Überwachungsapparates als "normale" Läufer, gemeldet unter Dynamo, Wachregiment o.ä., am Rennsteiglauf teilnahmen.
Die rasche Entwicklung des Rennsteiglaufes war auch durch eine umfangreiche Förderung oder zumindest mit Duldung von Funktionären aus der Partei, dem Staatsapparat oder den Kombinaten möglich. Am Beispiel der Herstellung des Ergebnisheftes kann man die verschlungenen Wege erkennen, die teilweise gegangen wurden. Durch neue Bestimmungen zu Druckerzeugnissen war das Ergebnisheft des Jahres 1978 akut gefährdet. Für jedes Druckerzeugnis, egal wie umfangreich, wurde eine Druckgenehmigungsnummer benötigt, die der Druckerei das nötige Papierkontingent zuwies. Ohne diesen Stempel ging nichts. Erteilt wurde der Stempel durch den Rat des Bezirkes. Der Bezirk Suhl lehnte es ab, den Stempel auf die Manuskripte des Rennsteiglauf- Ergebnisheftes zu drücken und damit "Bezirkspapier" für Läufer aus anderen Bezirken der DDR freizugeben. Der Parteichef der Wismut, ZK- Mitglied und Rennsteigläufer sicherte dem Gesamtleiter Bernd Will den Druck des 78er Ergebnisheftes zu. Für 1979 wurden dann noch Leipziger Rennsteigläufer einbezogen. Die Kreisleitungen der SED verfügten über einen Druckgenehmigungsstempel, um ihr Parteipropagandamaterial drucken zu können. Unter den Teilnehmern des Rennsteiglaufes befand sich Leipzigs erster Kreissekretär und sein Mitarbeiter für Sport. So waren diese bereit, in parteizugehörigen Druckereien das Ergebnisheft herstellen zu lassen.
Ähnliche Wege wurden bei der Beschaffung von eigenen Urkunden, Teilnehmerabzeichen, Souveniren und vielen anderen in der DDR- Mangelwirtschaft kontingentierten Erzeugnissen gegangen. Für die Entwicklung eines eigenen Zeitmessytems wurden sogar im Kombinat Robotron Zella- Mehlis mehrere Mitarbeiter ganzjährig mit Rennsteiglaufthemen beauftragt. Rennsteigläufer und Mitglieder des Organisationskomitees waren auch an der Entwicklung spezieller Laufschuhe bei der Sportschuhfirma Ilmia und von Funktionslaufhemden bei einer Textilfirma in Gera beteiligt.
Eine wesentliche Förderung erhielt der Rennsteiglauf durch Wissenschaftler der Jenaer Universität und der DHfK Leipzig. Von Beginn an arbeiteten vor allem Sportmediziner verschiedener Einrichtungen bei der Erforschung medizinischer Aspekte des Rennsteiglaufes zusammen. Eine Laufgruppe der DHfK unter Leitung von Dr. Wilfried Ehrler, die bereits 1975 am Start des Rennsteiglaufes war und die dort entwickelten Trainingsmethoden, hatten einen nicht unwesentlichen Anteil an dem Wachstum der Laufbewegung und damit auch an der raschen Entwicklung des Rennsteiglaufes.
Ein Großteil dieser Unterstützung des Rennsteiglaufes auf den unterschiedlichsten Ebenen basierte auf persönlichem Engagement von Rennsteiglaufteilnehmern und wurde vielfach nicht durch die sonst übliche Regulativen der sozialistischen Planwirtschaft abgedeckt. Der individuelle Handlungsspielraum von Leitern in der SED, der Wirtschaft und der Forschung ermöglichte vieles.
Wichtigste Förderung des Rennsteiglaufes aus organisatorischer Sicht ging von den DTSB Gremien der unteren Ebenen aus. Der DTSB Bezirksvorstand Suhl übernahm nach der Ablehnung durch M. Ewald 1976 die Funktion des Veranstalters. Mit der Kontingentierung der Startkarten, die Manfred Ewald Anfang der achtziger Jahre anläßlich eines Silvesteraufenthaltes in Oberhof von den Organisatoren um B. Will in einem persönlichem Gespräch festgelegt worden war,  setzte eine Übernahme der finanziellen Seite des Startkartenverkaufs durch die DTSB- Kreisvorstände in der gesamten DDR ein. Statt tausende Brief versenden zu müssen, wurden nur die ca. 200 Kreisvorstände angeschrieben, und diese rechneten am Ende die Startkarten beim Organisationskomitee ab. Viele der Kreisvorstände unterstützten die Rennsteigläufer auch dadurch, daß sie für die Anreise der Läufer ihres Kreisgebietes Busse organisierten.
Ein Umdenken in der Sportführung der DDR bei der Bewertung des Rennsteiglaufes setzte erst 1988 mit dem Abtreten von Manfred Ewald ein, und der neue DTSB- Präsident war dann auch 1989 am Start in Neuhaus und lief selber ein Stück mit. 1988 gelang es auch Freunden des Rennsteiglaufes, beim Staatssekretariat für Körperkultur und Sport den Antrag auf Auszeichnung des Rennsteiglaufes mit dem UNESCO Preis für Körperkultur und Sport einzufädeln. Ein Kuriosum in der Sportgeschichte wurde die Preisverleihung, die am 10. Oktober 1990 in Ottawa in Kanada erfolgte, zu einem Zeitpunkt, als die DDR nicht mehr existierte. Der anwesende BRD- Botschafter in Kanada ließ dann die beiden Rennsteiglauforganisatoren Volker Kittel und Dr. Hans- Georg Kremer alleine auf die Bühne gehen, da auf der Urkunde als Herkunftsland des Rennsteiglaufes die DDR verzeichnet war, deren staatliche Existenz am 3.10 aufgehört hatte. Beim abschließenden Pressefoto mit dem kanadischen Sportminister war er dann aber wieder dabei.


H.-G. Kremer



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